Psychologie des Korsetts
Seite 1 von 8 Die Psychologie des KorsettsAus Die Belohnung des Geschmacks und anderer EssaysVerfasst von Dr. Norman Bridge Ursprünglich wurde das Original 1902 von Herbert S. Stone and Company, Chicago, veröffentlicht.
Der nachstehend aus dem Englischen übersetzte Text stammt ursprünglich aus einer Textsammlung des Internet Archivs, dass unter der URL http://www.archive.org/stream/rewardsoftasteot00brid/rewardsoftasteot00brid_djvu.txt abrufbar und dort auf den Seiten 175 bis 210 nachlesbar ist. Von dort entnommen, wurde der Text auf der Homepage von LISA [http://www.staylace.com/textarea/tpotc.htm], erneut veröffentlicht. Nach Auskunft von Thomas B. Lierse, dem Inhaber der Homepage, ist der Text auf Grund seines Alters frei von Copyright-Ansprüchen, sodass einer Übersetzung keine Rechtsansprüche entgegen stehen.
Nach meinem Wissen ist der Text im deutschsprachigen Raum im englischen Original kaum, geschweige denn in einer deutschen Übersetzung bekannt. Zu meinem eigenen Spaßvergnügen und aus Interesse an diesem restriktiven und oft gescholtenen Kleidungsstück, habe ich die Übersetzung angefertigt. Die Liebhaber des Korsetts können sich so mit dem, was da vor mehr als 100 Jahren geschrieben wurde, auseinander setzen und, falls sie etwas besser übersetzen oder formulieren möchten, den Übersetzer wissen lassen. Ich bin für jede Anregung empfänglich.
Wie sich seit dem Jahre 1902 die Sprache, die Diktion und die Denk- und Ausdrucksweise verändert haben, ist leicht an den Markierungen zu erkennen, wenn man mal die Programme für Grammatik, Rechtschreibung und/oder Semantik über den englischen Text laufen lässt. Es ist schon erstaunlich, was da alles angestrichen wird. Es ist nicht leicht, sich bei der Übersetzung in die originalen Gedankengänge hineinzudenken und die ursprünglichen Gedanken in einer moderneren Sprachweise möglichst nahe dem Original in die deutsche Sprache zu übertragen. Der deutsche Text sollte ja möglichst gut 'lesbar' sein. In wie weit das gelungen ist, möge der geneigte Leser selbst entscheiden. Lassen Sie mich bitte ihre Meinung wissen. Jokors Die Psychologie des Korsetts
Es ist kaum vorstellbar, dass das Verhalten und das Wohlergehen der Menschen völlig losgelöst von ihrer Kleidung, die sie tragen, betrachtet werden können. Nur ein paar wenige Physiologen, Psychologen und Träumer können sich das vorstellen – aber nur sie. Carlyle beschrieb das Subjekt "Kleidung" in einem meisterlichen und einmaligen Essay; er versuchte, sich die Menschen sowohl nackt wie auch bekleidet vorzustellen, und sie unter jeder Art von psychologischen Aspekten zu betrachten. Seine Gedanken hat das aber letztlich nur wenig beeinflusst. In der ganzen Geschichte wird das mentale Bild der Menschheit in den meisten Fällen so dargestellt, dass sie bekleidet ist. Von Natur aus ursprünglich nackt, sind unsere Kleider doch vor unserem geistigen Auge ein Teil von uns selbst, als wären sie der Pelz, der auf unserer Haut wächst. Wir sprechen sogar darüber, ob es richtig ist, über den menschlichen Körper in irgendeinem anderen Zusammenhang nachzudenken und manchmal befürchten wir, unsere Jugend könnte auf
Abwege geraten, wenn sie die Nacktheit in Form von kaltem Marmor oder Bronze oder auf harmloser Leinwand sieht. Gelegentlich sollten wir solche Dinge von öffentlichen Plätzen verbannen und unsere aufwachsende Generation davon wegsperren. Die Art, in der das einfache und geistig minderbemittelte Volk in den ländlichen Distrikten Japans zu ihrer Zeit die Vorschriften über die Bekleidung ignoriert hat, ist schon überraschend. Für so manche gute Seele unserer Zivilisation war sie gar schockierend, als sie das zum ersten Male zu Gesicht bekam. Das zeigt dem Nachdenklichen, welche extrem hohe Wichtigkeit wir – ohne dass wir uns dessen bewusst werden – mit der Bekleidung unseres Körpers verbinden. Solche Schocks erwecken in uns die Notwendigkeiten, über die philosophischen wie auch hygienischen Bedeutungen der Kleidung nachzudenken. Der nächste allgemeine Gegenstand unseres Interesses ist die Tatsache, dass auf den ersten Blick scheinbar ohne jeden Grund, die beiden Geschlechter immer verschieden gekleidet sind. Diese Regel ist so streng und alles durchdringend, dass wir sofort jede Anerkennung und Bemerkung unterlassen, sollte jemand es erlauben, identische Kleidungsstücke für beide Geschlechter zuzulassen. Das gilt auch dann, wenn sie zur gleichen Spezies lebender Dinge gehören und vergleichbare physikalische Notwendigkeiten und Ängste haben. Und sicherlich kann auch unterschiedliche Arbeit und Funktionen in ihrem Leben keine so weitreichende Verschiedenheit ihrer Kleidung notwendig machen. Es muss also noch andere Gründe dafür geben, dass die Menschen für ihre Kleidung so viel Zeit und Aufmerksamkeit aufwenden. Kleidungsstücke, insbesonders Unterwäsche, haben in vielfacher Hinsicht recht verschiedene Bedeutungen, und das für jedes Geschlecht anders. Aber es scheint mir, dass kein anderes Wäschestück, von welchem Geschlecht auch immer getragen, so eine eigentümliche und überwältigende Bedeutung hat wie das Korsett. Es hat einen Einfluss auf jene, die es tragen, genauso wie auf den Rest der Menschheit. Es steht im Zusammenhang mit der Langlebigkeit und den geistigen Fähigkeiten ihres Trägers, und darüber hinaus noch mit Generationen von Männern, die ihm nachfolgen. Es ist heutzutage ein Wäschestück, das ausschließlich von Frauen getragen wird, obwohl es zu gewissen Zeiten in Europa auch von Männern getragen wurde. Seine Anfänge können fast bis zu der Zeit zurückverfolgt werden, in der die menschliche Rasse sich von der Barbarei löste, wenn nicht sogar noch davor. Es machte unzählige Veränderungen in Form und Größe durch, gerade so, wie es die Mode verlangte. Früher war es eine schwere und unhandliche Angelegenheit, es anzuziehen, aber Erfindungsreichtum und verbesserte handwerkliche Fähigkeiten im zu Ende gehenden Jahrhundert haben zu einer nie gekannten Leichtigkeit, zu Anmut und zu niedrigen Kosten geführt, von denen die Damen früherer Zeiten nicht einmal zu träumen wagten. Der Wunsch der Frauen sich ihren weiblichen Körper nach den Schönheitsvorgaben zu formen, muss schon in der Urzeit begonnen haben. In den Ruinen von Palenque, Mexico, (leider gibt es davon noch nicht einmal den Fetzen einer schriftlichen Aufzeichnung) wurde ein Stein mit einem Halbrelief gefunden, der eine Frau mit einer bandagierten Taille zeigt. Rundum und schräg verlaufende Tuchstreifen können auf der Skulptur deutlich erkannt werden, mit denen die erwünschte Figurformung erreicht wurde. Auf den östlichen Archipelen wurden bei Entdeckungsreisen junge Frauen gefunden, die eine Art Korsett aus konisch angeordneten Spiralen von Rattan (Weidenruten) trugen. Sie trugen diese 'Former' bis zu ihrer Hochzeit. Auf Java aßen Frauen Lehm, um schlank zu bleiben. Auf Ceylon werden Bücher angeboten, in denen Hinweise gegeben werden, wie eine schlanke Taille erreicht werden kann. Unter den Korsett-Experten wird die Ansicht vertreten, dass der weltweite Standard für das richtige Maß für die Taille dann erreicht ist, wenn sie mit zwei Händen umspannt werden kann. Kirgisische Damen trugen früher – vielleicht sogar heute noch – aus Ziegenleder hergestellte Korsetts, und die bei Tag wie bei Nacht. Die Hindus bestehen darauf, dass die Taille einer Frau schlank sein muss. Nur allein die Chinesen binden die Füße ein, und lassen die Taille wachsen, wie sie gerade möchte. In ägyptischen Ruinen und in Theben wurden keine Figuren gefunden, die auf die Verwendung von Korsetts hinweisen. Aber im Buch von Jesaja (III.24) wurde eine Textstelle gefunden, die empfahl, dass "anstelle eines Magenbrettes ein Gürtel aus Sackleinwand getragen werden sollte". Ein Magenbrett ist ein steifes, vertikal getragenes Holzbrett, das zu einem ähnlichen Zwecke wie ein Korsett an der Frontseite des Oberkörpers getragen wurde. Homer, der lange vor Christus lebte, spricht von einem "Cestus" (Gürtel zur Zeit der griechischen Antike) oder einem Gürtel der Venus, der von Juno getragen wurde, um seine "persönliche Attraktion" zu verbessern. Der römische Dramatiker Terence (160 V.C.) berichtete von Damen, die ihre Pobacken aufpolsterten und ihre Taillen mit dem Ziel einer besseren Körperform schlank machten. Strutt berichtet von römischen Frauen, dass sie ihre Taille mit Bandagen, die sie Strophium nannten, umwickelten. In den verschiedenen Zeiten wurden hierfür die unterschiedlichsten Namen verwendet, die jedoch alle den gleichen Sachverhalt beschrieben: Zone, Mitra, Cestus, Harnisch, Leibchen, Schnürleib und natürlich Korsett. Vor der Eroberung Roms durch die Volksstämme der Hunnen, trugen die Damen, so wird berichtet, "eine Art von Korsett, das sie recht erheblich schnürten". Nach dieser Zeit verschwand diese Art von 'Figurbeeinflussung' für viele Generationen aus der menschlichen Geschichtsschreibung, wenn nicht gar aus der menschlichen Gedankenwelt. Königin Elizabeth trug ein Korsett aus solidem Metall, ebenso Katharina de Medici. Schon vor dem Ende des 15. Jahrhunderts waren solche aus Holz, Eisen und Elfenbein in vielfachem Gebrauch. Ihr Effekt war recht erheblich und schädlich für den Körper. Diese alten, unnachgiebigen Geräte hinterließen häufig tiefe Spuren auf der Haut. Ein alter Chronist schrieb dazu: "Was die Hölle den Frauen nicht antut, lastet auf ihnen sehr schnell und macht ihre Körperform so dünn, wie ein Spaniol." Aber dieser Eisen- und Platten-Kürass verschwand etwa zur Zeit der Französischen Revolution. Ihnen folgten weniger schwere Exemplare nach. Ein Schreiber aus Boston berichtete 1829 davon, dass Frauen Ihr Korsett sogar nachts im Bett trugen. Sie schnürten sie, wenn sie sich niederlegten und am Morgen beim Aufstehen erneut. Diener trugen oft Schnürleibchen, um sie vom 'Krummgehen' abzuhalten. Während die Mode das vorschreibt, was ganz allgemein das Ziel der Korsetts sein sollte, wird mit den genialen Ideen und Verbesserungen der Hersteller bis zu einem gewissen Grade dazu genutzt, die aktuelle Mode in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wollte man über all die Kräfte recherchieren, die die Mode beeinflussen, so würde das den Umfang dieser Studie bei Weitem sprengen. Das Korsett von Heute, so wie es auf der Taille zwischen unterer und oberer Bekleidung getragen wird, reicht nahe zu von den Achselhöhlen bis zu den Hüften und noch darunter. Es erzwingt die Körperform mit unterschiedlichen Graden von Einengung, die ganz nach Wunsch der Trägerin, von den verschiedenen Umständen abhängig ist. Nur ganz selten wird es lose getragen. Der Druck, der auf den Körper ausgeübt wird, wurde mit Präzisionsgeräten gemessen und in Durchschnitt mit etwas mehr als 0,6 lb/inch2 (ca. 42 g/cm2) ermittelt. Oder umgerechnet auf die ganze betroffene Körperfläche auf etwa 20 bis 70 lb*) (ca. 9 bis 31 kp). Der Unterschied des Tallienumfanges mit und ohne Korsett liegt zwischen 2 bis 2 ½ Zoll (ca. 5,1 und 6,35 cm); die Lungenkapazität wird durch das Korsett um ca. 20% reduziert. *) 1 lb (engl.Pfund) entspricht 453,59 g
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